Selbstverständnis der Kriminologischen Initiative e.V.

Nach verbreitetem Verständnis werden die Ursachen für Kriminalität vor allem im Bereich der Täterin oder des Täters mit ihren/seinen Persönlichkeitsmerkmalen gesucht. Die Kriminologische Initiative wendet sich gegen die Vormachtstellung dieser einseitigen Sichtweise und distanziert sich auch von einem Kriminalitätsbegriff, der im Wesentlichen juristisch geprägt ist. Demgegenüber orientieren wir uns am Begriff des abweichenden Verhaltens, der als sozialer Tatbestand die Normverletzung fokussiert, ohne dabei schon wertend sein zu wollen.

Abweichendes Verhalten resultiert aus dem Aufeinandertreffen persönlicher und gesellschaftlicher Interessen. Soziale und materielle Ungleichheit, strukturelle Probleme von Wirtschaft und Politik, kulturelle Unterschiede sowie persönliche und kollektive Traumata markieren nur die wesentlichen Rahmenbedingungen für abweichendes Verhalten. Trotz dieser Vielschichtigkeit beschränken sich die Reaktionen von Staat und Politik vor allem auf strafrechtliche Maßnahmen und Kontrolltechniken, deren Sinn und Zweck immer wieder kritisch hinterfragt werden muss. In diesem Kontext ist das Strafrecht nicht nur staatliche Reaktion auf Abweichung, sondern ebenso geeignet bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu stigmatisieren und von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auszugrenzen.

Die Kriminologische Initiative möchte neue Formen der gesellschaftlichen Konfliktregelung mit Interessierten diskutieren und auf den kriminalpolitischen Diskurs einwirken. Dabei steht die Absicht im Mittelpunkt, die Widersprüche und Defizite der gegenwärtig praktizierten strafrechtlichen Maßnahmen aufzuzeigen und Alternativen zu diskutieren.

Die Kriminologische Initiative ist Netzwerk für alle Berufsgruppen und Angehörigen unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen, die sich in irgendeiner Form mit den Folgen und Begleiterscheinungen des abweichenden Verhaltens konfrontiert sehen und sich nicht mit den aufgezeigten Problemlagen abfinden möchten.