Archiv zurückliegender Veranstaltungen & Projekte der Kriminologischen Initiative e.V.

zurückliegende Veranstaltungen

Tagung: Terrorismus und Widerstand, Zurückliegende Veranstaltung on 23 Juni 2012 10:00
663 Tage und 22:48 Stunden her.
23 Juni 2012 18:00
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Mitgliederversammlung 2011, Zurückliegende Veranstaltung on 14 Dezember 2011 18:30
855 Tage und 14:18 Stunden her.
14 Dezember 2011 18:30

Vortragsabend zum Thema Selbstjustiz, Zurückliegende Veranstaltung on 24 Oktober 2011 18:00
906 Tage und 14:48 Stunden her.
24 Oktober 2011 18:00

Am 14. Oktober 2010 lud die Kriminologische Initiative Hamburg e.V. (Krim.Ini) zu einem Vortrags- und Diskussionsabend unter dem Titel “Eskalationen – Jugendgewalt im Kontext.” Nach der Neukonstituierung des Vereines im Herbst 2009 stellte der Vortragsabend die erste von der Krim.Ini organisierte öffentliche Veranstaltung dar. Vermutlich hatte deshalb niemand der Veranstalter mit einem so regen Zulauf gerechnet. Bereits die unmittelbar vor dem Vortragsabend stattfindende Vollversammlung des Vereins war mit 30 (Neu-)Mitgliedern gut besucht. Mit Beginn der Hauptveranstaltung war der Seminarraum im “Wiwi-Bunker” mit ca. 90 Zuhörerinnen und Zuhörern sehr gut gefüllt. Neben alten und neuen Mitgliedern der Krim.Ini hatten auch viele interessierte Gäste ihren Weg in den Von-Melle-Park gefunden.

Prof. Dr. Dr. h.c. Fritz Sack, Mitbegründer der Kriminologischen Initiative, richtete zu Beginn des Vortragsabends ein Grußwort an die Gäste und erläuterte das wechselhafte Verhältnis von Kriminologie und Kriminalpolitik in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik. Die Kriminalpolitik sei einst die “Schwester” der Kriminologie gewesen; doch mit der Entdeckung kriminalpolitischer Themen durch (alle) Parteien, wären vernunftgeleitete Forderungen – wie etwa der Ruf nach Entkriminalisierung – einer zunehmenden Straflust im öffentlichen Diskurs gewichen. Der schwindende Einfluss kriminologischen Wissens auf kriminalpolitische Entscheidungen lasse daher eine aktive Öffentlichkeitsarbeit durch eine kriminologische Fachgesellschaft wie der Krim.Ini notwendiger erscheinen als je zuvor. Dieses Plädoyer bildete einen passgenauen Einstieg für das Thema Jugendgewalt, das in drei Vorträgen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden sollte.

Den Anfang machte Andreas Prokop mit seinem Vortrag “‘Das zeugt doch von kaltblütiger, menschenverachtender Selbstbeherrschung!’ – Gewaltexzesse Jugendlicher an der Schwelle zum Erwachsenwerden“. Am Beispiel zweier exeptioneller Gewalttaten durch Jugendliche in Tessin (2007) und Eislingen (2009) stellte Prokop weit verbreitete Erklärungsmuster in Frage, denen kontrolltheoretische Annahmen zugrunde liegen. Insbesondere das Gerichtsurteil im Fall des Mehrfachmordes von Eislingen war Gegenstand seiner Kritik. Die Richter hatten in ihrer Urteilsbegründung Habgier als das entscheidende Mordmotiv unterstellt und den heranwachsenden Haupttäter (Initiator der Gewalttat) wegen Mordes nach Erwachsenenstrafrecht zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und vorbehaltener Sicherungsverswahrungzu verurteilt. Der zweite Angeklagte (und wiewohl möglicherweise alleiniger Schütze) wurde nach Jugendstrafrecht zur Maximalstrafe von 10 Jahren verurteilt, da man bei ihm Reifeprobleme (Asperger-Syndrom) anerkannt hat. (eine vorliegende psychische Erkrankung des Täters wurde als strafmildernd anerkannt).
Das Motiv der Habgier zeugte nach Ansicht des Gerichtes von der Reife des Haupttbeschuldigten; eine Einschätzung, die vom psychologischen Gutachter gestützt wurde (Der Titel des Vortrages entstammt dem psychologischen Gutachten). Dieser Einschätzung widersprach Prokop und konnte in seinem Vortrag mit Rückgriff auf die psychoanalytische Theorie des “Fremden Selbst” anschaulich darlegen, dass sehr wahrscheinlich von einer Unreife des Täters auszugehen ist und zudem die spezifische Beziehungsstruktur der beiden Angelagten (“Freundschaft” als Totalität) und ihre Situation im Schul- bzw. Peerkontext (besonders die Ausgrenzung eines der beiden) auch im wechselseitigen Verweisungszusammenhang als wichtigen Tathintergrund betrachtet werden muss. Informationen über den sozialen Hintergrund des adoleszenten Hauptbeschuldigten ließen zudem die Schlussfolgerung zu, dass dieser in einem ungewöhnlichen Maße in emotionaler Abhängigkeit zu seinen Eltern gestanden habe. Infolge der fehlenden Autonomie und der defizitären Persönlichkeitsentwicklung sei die Mordtat als eruptiver “Befreiungsschlag” zu deuten. Nicht die Habgier eines reifen Täters läge der Tat ursächlich zugrunde, sondern vielschichtige Persönlichkeitsdefizite hätten sich in der Gewalttat kanalisiert – so der Referent. Da sich die komplexen Motivlagen mithilfe herkömmlicher (kriminologischer/ strafrechtlicher) Kategorien und Modelle nicht hinreichend erklären ließen, plädierte Prokop für ergänzende psychoanalytisch fundierte Erklärungsansätze, um exeptionelle Gewalttaten zu begreifen.

Als zweite Vortragende des Abends präsentierte Laura Naegler ihre Ausführungen “‚Erlebnisorientierte Jugendliche’ ? – Risiko, Thrill und die vermeintliche Sinnlosigkeit der Gewalt“. Naegler bot für die alljährlich zu beobachtenden gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizeikräften zum Maifeiertag im Hamburger Schanzenviertel mit dem “Edgework- Konzept” (Lyng, 1990) einen alternativen Erklärungsversuch an. Die Randale seien weniger Ausdruck eines vordergründig politischen Protestes, sondern vielmehr eine emotionale Revolte gegen alltäglich erfahrene Langeweile und Bedeutungslosigkeit. Durch das ritualisierte Aufbegehren gegen die Ordnungsmacht würde eine physische aber auch emotionale Grenzerfahrung gesucht, die in der postindustiellen Arbeitswelt mit ihren bürokratischen und institutionellen Rollenvorgaben nicht mehr geboten würde. Die gesuchte Konfrontation sei dabei als Protest gegen das Alltägliche zu erklären und fungiere als emotionszentrierter, identitätsstiftender Gegenentwurf zur alltäglich erlebten ontologischen Unsicherheit in einer von Rationalen dominierten Welt.
Das von Naegler referierte Konzept des Edgework stieß auf großes Interesse bei den Zuhörerinnen und Zuhörern und führte zu vielen Nachfragen und einer lebhaften Diskussion.

Als letzter Vortragender des Abends sprach schließlich Umut Savaç über “Gewaltdelinquenz junger Migranten – ein Diskurs auf Abwegen?!“. Dabei beschäftigte sich Savaç in erster Linie mit den in der deutschsprachigen Kriminologie angebotenen Erklärungsansätzen für Gewaltkriminalität von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Der Referent kritisierte, dass entsprechende Ausführungen oftmals versuchen würden, einen Kausalzusammenhang zwischen der Religion des Islams und Gewaltausübungen der Religionszugehörigen darzulegen. Diese Erklärungskette gipfelte schließlich in der Feststellung, dass der Islam durch seine Nähe zur Gewalt unvereinbar mit der demokratischen Grundordnung sei. Im Mittelpunkt des Vortrages stand die 2010 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) vorgelegte Studie Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum. Zweiter Bericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN. Deutschlandweite repräsentative Schülerbefragung 2007/2008. KFN Forschungsbericht Nr. 109 (Dirk Baier et al., 2010). Hier – so die Kritik des Referenten – würde das in der Studie verwendete Konstrukt “Religiosität” einem zu starren Bild entspringen, das dem Islam nicht gerecht würde. Entsprechend sei auch der Ableitung der Autoren nicht zu folgen, dass über vermittelnde Variablen islamische Religionszugehörigkeit mit einer im Vergleich zu anderen Konfessionszugehörigen statistisch erhöhten Gewaltausübung im Zusammenhang stehe. Savaç plädierte sostattdessen auf differenzierte, prozessorientierte Forschungsansätze zu setzen, wie sie beispielsweise in den Genderstudies seit vielen Jahren Anwendung finden. Nur durch diese differenziertere Betrachtungsweise ließen sich komplexere Analyseebenen erschließen (z.B. die Wechselwirkung von Differenzlinien wie Ethnie, Kultur und Geschlecht; aber auch machtpolitische Zuschreibungsprozesse im Foucault’schen Verständnis). Der ebenfalls durch das KFN vertretenen Erklärung, dass Männlichkeitsnormen und –ideale ursächlich für Gewalt seien, stimmte der Referent grundsätzlich zu. Allerdings gab er zu bedenken, dass diese Männlichkeitsnormen maßgeblich durch das soziale Milieu und dort vorherrschende hedonistisch geprägte Lebensstile beeinflusst sind. Diese Männlichkeitsvorstellungen seien überwiegend medial geprägt und würden in marginalisierten Milieus (denen Migranten häufig zugehören) durch fehlende reale Rollenvorbilder (Vaterfiguren) eine größere Wirkung entfalten. Auch dieser letzte Vortrag stieß wie die vorherigen Ausführungen auf ein großes Interesse und es schloss sich erneut eine angeregte Diskussion an, die schließlich bei einem Glas Wein fortgeführt wurde.

Die Veranstaltung “Eskalationen – Jugendgewalt im Kontext” ist ein voller Erfolg gewesen. Den Organisatoren ist es gelungen, zu dem spannenden und kriminalpolitisch relevanten Thema “Jugendgewalt” einen Vortragsabend mit drei sehr unterschiedlichen – aber allesamt anregenden – Beiträgen zu konzipieren. Die große Zahl der Zuhörer, die nette Atmosphäre und die lebhaften Diskussionen zeugen von diesem Geschick und der hohen Qualität der Beiträge. Wer einmal so hervorragende Gastgeberqualitäten bewiesen hat, darf sicherlich auch zukünftig mit vielen netten Gästen rechnen.
Ein weiterer Vortragsabend ist derzeit in Planung und für den 1. Juni 2011 angekündigt. Der Call for Papers ist auf dieser Seite zu finden.

Abstracts

Eskalationen – Jugendgewalt im Kontext

Vortragsabend anlässlich der Mitgliederversammlung der Kriminologischen Initiative e.V. am 14. Oktober 2010

Individuelle Gewalt ist ein Thema, das innerhalb der Kritischen Kriminologie relativ selten thematisiert wird. Das dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass sich diese kriminologische Schule auf der Grundlage des Labeling Approach formiert hat. Damit war die Abgrenzung zu einer kriminologischen Tradition verbunden, die sich an ätiologischen, der Individualgenese von Kriminalität verpflichteten Ansätzen orientiert. Der Vorwurf gegenüber solchen Konzepten besteht vor allem darin, dass sie die Auswirkungen politischer, ökonomischer und sozialer Herrschaft gewissermaßen privatisieren und individualisieren. Eine Sichtweise, die sich psychologischen Momenten von Konflikten, wie sie durch Gewalt ausgedrückt werden, nicht verschließt, muss allerdings auf Herrschaftskritik nicht verzichten. Das Bereitstellen unterschiedlicher Perspektiven kann stattdessen ein dynamischeres Verständnis von Gewaltphänomenen vorbereiten.

Vor diesem Hintergrund soll es in der Veranstaltung um die Komplementarität individueller und kontextualer Bedingtheiten gehen. Diese werden in drei Vorträgen exemplarisch herausgearbeitet:

1. Andreas Prokop: “Das zeugt doch von kaltblütiger, menschenverachtender Selbstbeherrschung!”

Gewaltexzesse Jugendlicher an der Schwelle zum Erwachsenwerden
Im Zentrum dieses Beitrags stehen Gewaltexzesse Jugendlicher wie sie etwa in Tessin (2007) oder Eislingen (2009) für öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt haben. Anders als mancher Kriminologe vermuten würde, verweisen diese Taten auf ein erstaunlich hohes Maß an Selbstkontrolle. Dementsprechend soll hier mal eine andere Perspektive eingenommen werden, nämlich die eines “Kulturkonflikts”, die im Sinne der Etablierten-Außenseiter-Theorie von Elias und Scotson auf eine “binnenkulturelle” Problematik appliziert wird.

2. Laura Naegler: ‚Erlebnisorientierte Jugendliche’ ? – Risiko, Thrill und die vermeintliche Sinnlosigkeit der Gewalt

Das Edgework-Konzept als Erklärungsversuch für Jugendgewalt im Rahmen politischer Massenveranstaltungen Ziel des Vortrags ist es, das mediale Konstrukt der ‚jugendlichen Randalierer’ und ihre kontextuale Entpolitisierung im öffentlichen Diskurs in Frage zu stellen. Auf Grundlage des Edgework-Konzeptes als eine kombinierte Mikro-Makro-Theorie freiwilligen Hoch-Risikoverhaltens soll aufgezeigt werden, wie sich strukturelle Bedingungen auf Vordergründe emotionalen Erlebens auswirken und somit ihren Ausdruck in vermeintlich irrationalem abweichendem Handeln finden können, welches in dieser Verbindung durchaus an politischer Bedeutung gewinnt.

3. Umut Savaç: Gewaltdelinquenz junger Migranten – ein Diskurs auf Abwegen?!

Der Vortrag wird sich in erster Linie mit der wissenschaftlichen- und öffentlichen Rezeption von Gewaltkriminalität bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund beschäftigen. Es werden vor allem die von der deutschsprachigen Kriminologie angebotenen Erklärungen untersucht. Der Fokus auf religiös bestimmte Zugehörigkeitskategorien und die damit verbundenen Gefahren sollen dargestellt und kritisch bewertet werden.